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Wer lebt oder stirbt

„Ich entscheide, wer lebt oder stirbt!“ Bei den X-Files ist das der Satz, zu dem der psychisch gestörte Mörder auf den Kirchturm steigt und sein Gewehr auspackt, um unschuldige Leute der Reihe nach umzunieten. Ein Arzt muss sich diese Frage täglich stellen. Ich war am Wochenende bei einem Seminar, das eben dieses Thema behandelt hat.

Folgender Fall: Ein Krebsmedikament verspricht den Kranken das Leben zu verlängern. Allerdings ist es noch nicht für den deutschen Markt zugelassen und soll erst in einer Studie geprüft werden. Der Arzt bekommt zehn Plätze. Schnell wird aber klar, dass er mehr Patienten hat, die das Medikament brauchen würden, er aber nicht allen Leuten einen Platz geben kann. Das Medikament aus den USA importieren kann er auch nicht. Warum ist nicht klar, fest steht nur, dass der Pharmakonzern sich weigert, das Präparat zu verschicken. Das Medikament wirkt so, dass die Krebserkrankung gestoppt werden kann und den Patienten so das Leben verlängern kann. Je nach Mensch bis zu drei Jahre lang. Weitere Tests sind noch nicht gemacht worden, also weiß auch niemand, ob das Medikament nicht sogar die Erkrankung auf lange Zeit in Schach halten kann. Um in die Studie zu kommen, müssen die Menschen aber besondere Vorrausetzungen erfüllen: Sie müssen bereits alle vorhandenen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft haben. Und sie müssen sich bewußt sein, dass es nur ein Test ist, also kann ihnen niemand garantieren, dass sie länger leben, wenn sie das Medikament bekommen... Soweit das Dilemma. Der Arzt muss jetzt entscheiden, wen er in die Studie aufnimmt, ohne die Patienten einem unwürdigen Druck auszusetzen.

Das war auch das Problem der Studentinnen und Studenten, die bei dem Seminar dabei waren. Wir sollten besprechen, wie wir diese Auswahl treffen würden. Juristen, Mediziner, Philosophen und Theologen waren da. Vom ersten bis zum siebten Semester machten sich alle Gedanken, wie man nun möglichst moralisch handelt. Sollte man die vorhandenen Plätze auslosen? Sehen, wer am zuverlässigsten ist und Patienten, die so eine Testbehandlung schon einmal abgebrochen haben aus der Behandlung ausschließen?

Es war unglaublich, welch absurde Ideen zu tage kamen: Ein Computer solle aufgrund von Medizinischen Daten auswählen/auslosen, wer mitmachen darf (meinte ein Student). Eine Pphilosophiestudentin war ganz anderer Meinung: Wenn es nach ihr ginge, solle man den Menschen Alternativen aufführen und ihnen klar machen „[...]das sie ohnehin sterben. Die drei Monate sind vielleicht nicht die schönsten ihres Lebens. Und vielleicht sind diese Menschen in einem Hospitz besser aufgehoben!“

Ich war schockiert: wer soll sich hinstellen und den Leuten sagen: Hey, ihr verreckt doch ohnehin! Geht lieber ins Hospitz, wo ihr in Ruhe sterben könnt! Unglaublich...!

Es gab ein langes hin und her, Philosophen waren mit ihrem Latein am Ende, die Theologen wußten weder ein noch aus. Die Juristen argumentierten nüchtern und kühl, stets bedacht, niemandem zu viel Verantwortung aufzuhalsen und die Mediziner waren ratlos. Beschämend für mich ist ein fakt besonders: Jeder, wirklich jeder! Hat sich mit den gegebenen Tatsachen abgefunden. Wenn es nur zehn Plätze, aber 20 potentielle Teilnehmer sind, dann ist es eben so. Wenn man das Medikament nicht aus den USA kommen lassen kann, dann muss auch das so sein. Also haben wir auf dieser Ansicht argumentiert und gerätselt, wie man das alles am besten hinbekomme...

Nun die Lösung: Der Arzt, der für die Studie zuständig war, war der einzige der moralisch und ethisch korrekt gehandelt hat! Er hat sich nicht damit abgefunden, dass es nur zehn Plätze in der Studie sein können, hätte er doch mindestens 20 Plätze gebraucht. Und auch für die Patienten, die das Medikament gebraucht haben, hat er eine Lösung gefunden. Er hat dem Pharmakonzern einfach gedroht, die Presse einzuschalten wenn das Medikament ohne Begründung nicht geliefert werden kann. Und siehe da: es hat geklappt! Ein großteil der Patienten, die mit ihrer Krebserkrankung eigentlich schon gestorben wären, leben noch. Einigen geht es so gut, dass sie ein normales Leben führen. Es hat mir Angst gemacht, wie wenig Mut alle diese Studenten aufgebracht haben. Keiner kam auf die Idee, einfach Stress zu machen. Das Gegebene nicht zu akzeptieren und die Zustände zu ändern. Wirklich niemand.

Das gab mir sehr zu denken. Denn, was wenn ich eines Tages in so eine Studie will und der Arzt sich einfach den Gegebenheiten anpasst, anstelle alles zu versuchen, was möglich wäre um Leben zu retten. Klar, er muss entscheiden, wer lebt oder stirbt. Das gehört zu seinem Beruf. Aber das der Arzt aus „meinem“ Fall das nicht getan hat, macht mir Mut! Ich bewundere diesen Menschen, der sich wirklich für andere einsetzt! Ein Vorbild im Leben...

27.11.06 17:28
 


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